Projekt „Weihnachten“

Zu Ostern dieses Jahres war der Weihnachtsmann immer noch erschöpft. Er konnte sich kaum bewegen. Alles tat ihm weh und eigentlich hatte er gar keine Lust mehr auf Weihnachten. Seinen Wichteln, den Rentieren und sonstigen Gehilfen ging es nicht besser. Immerhin machten alle diesen Job schon seit mehr als 1.000 Jahren. Es gab bisher auch keinen Grund, das Geschäftsmodell oder die Prozesse zu ändern. Immer nach dem Motto: „Never change a running business“.

Um sich so langsam auf die bevorstehenden Strapazen einzustimmen und noch etwas zu entspannen, beschloss daher der Weihnachtsmann eine Runde Golf spielen zu gehen. Auf dem Golfplatz traf er einen quietsch vergnügten Osterhasen, der ihn zu einer Runde aufforderte. Der Weihnachtsmann war wirklich erstaunt gewesen, dass der Osterhase nach seiner eigenen High Season so entspannt und völlig relaxed über den Golfplatz hüpfen konnte. Nach dem normalen Smalltalk beschloss der Weihnachtsmann, dass er sich nun beim Osterhasen erkundigen müsse, wie er es geschafft hat, nicht kaputt und gestresst zu sein.

Diese Frage war ein gefundenes Fressen für den Hasen. Im Grunde hatte er schon auf die Frage gewartet. „Das war recht einfach, lieber Kollege“, antwortete der Osterhase. „Da es mir nicht anders ging als dir, habe ich beschlossen, dass ich mir eine Unternehmensberatung ins Haus hole, die meine Prozesse analysieren und mir Verbesserungspotenziale aufzeigen soll. Mein Ziel war es, dass ich mit dem Ostereier verstecken schneller fertig werde und dabei nicht mehr so angestrengt bin. Nachdem ich die richtige Beratung gefunden habe, haben die mein Geschäftsmodell auf den Kopf gestellt, alles hin und her gerechnet und mir ein Process and Business Re-Engineering aufgedonnert, das sich gewaschen hat. Nachdem ich alles getan hatte, was die wollten, ging es mir viel besser. Vielleicht solltest du das auch machen, alter Freund.“

Diese Vorgehensweise und Erkenntnis ließ den Weihnachtsmann nicht mehr los. Er schlenderte über den Golfplatz, verlor haushoch gegen den Osterhasen, aber irgendwie fühlte er sich glücklich. Endlich hatte er einen Ansatz gefunden, wie er seine Probleme potenziell lösen könnte. Da Weihnachten nicht mehr so weit war und die Schilderung des Osterhasen so klang, dass das Thema nicht innerhalb von wenigen Tagen erledigt sei, beschloss er, gleich am nächsten Tag zu handeln. Seine Mitarbeiter sollten aber noch nichts von dem Vorhaben erfahren. Schließlich wollte er sie überraschen und alles sollte besser werden. Darum setzte er sich von seinen PC und suchte nach Beratungsfirmen, die sich mit Process und Business Re-Engeneering auskannten. Da gab es aber eine jede Menge. Welche sollte er wählen? Da fing das Problem des Weihnachtsmanns schon an. Zu welcher Branche gehörte eigentlich sein „Business“? Ein klassischer Produzent war er nicht. Ein Retailer auch nicht (schließlich nahm er kein Geld dafür). Finanzdienstleister auf gar keinen Fall. Er entschied sich dafür, dass sein Geschäft am ehesten ein Logistikunternehmen sei. Also wählte er drei renomierte Beratungshäuser aus, die ihm ein Angebot erstellen sollten.

Nach drei Wochen erhielt der drei dicke Pakete mit broschiertem Papier, in welchen die Leistungen der Beratungsunternehmen, die Referenzen und die Vorgehensmodelle beschrieben wurden. Eine recht schwere Kost in den Frühjahrsmonaten. Doch die Zeit drängte. Schließlich fing man in seinem Unternehmen Anfang Sommer mit den Vorbereitungen für Weihnachten an. Er kämpfte sich durch die unzähligen Seiten an Papier. Leider war er nicht im Stande, die Unterschiede, Gemeinsamkeiten und die Ergebnisse der drei Beratungshäuser herauszufinden. Außerdem bekam er es langsam mit der Angst zu tun, eine so schwerwiegende Entscheidung alleine zu treffen. Aus diesem Grund rief er sein Chef-Rentier und sein Chef-Wichtel herbei und weihte sie in das Vorhaben ein. Beide schienen dem Vorhaben nicht abgeneigt zu sein, da sie sich dadurch auch mehr Ruhe und weniger Arbeit erhofften. Außerdem war es an der Zeit nach 1.000 Jahren endlich mal etwas zu ändern. So ging man drei Nächte lang die Angebote durch. Eine Entscheidung war nicht abzusehen, da sich die drei nicht auf einen Anbieter einigen konnten. Daher beschlossen die drei des Unternehmens Weihnachtsmann die drei Beratungsunternehmen einzuladen, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Schließlich muss man die Menschen kennenlernen, mit welchen man zusammenarbeiten möchte.

Mittlerweile war es Mitte Mai und die Bäume blühten in voller Pracht. Die Zeit wurde immer knapper. Aber die Termine mit den drei Beratungshäusern waren vereinbart, daher musste alles gut werden. Zum vereinbarten Termin erschienen die drei Anbieter nach einander. Der erste Anbieter, (Slogan: „Wir treten genau dorthin, wo es Ihnen bereits weh tut) kam mit einem Trupp von zehn Personen, die alle aus anderen Ländern kamen und eine Sprache sprachen, die die drei vom Unternehmen Weihnachtsmann nicht verstanden. Sie faselten etwas von Supplier und Warehouses, Lagerbeständen und optimierten Lieferwegen. Der zweite Anbieter (Slogan: Where’s the beef?) brachte es auf nur fünf Mitarbeiter, von welchen vier schwiegen und einer die eigene Firma über alles lobte. Der Vorturner des zweiten Beratungshauses holte eine Referenzliste aus seiner Tasche, die fast so dich war, wie das Telefonbuch von New York. Alles namhafte Firmen: DHL, Lufthansa Cargo, UPS, Hermes, … Aber von Bestellungen bei Lieferanten hatte der Herr leider keine Ahnung. Das dritte Beratungshaus Slogan: Sie als Kunde sparen, damit unsere Partner mehr Bonus haben) mit seinen sechs anwesenden Menschen, wobei zwei davon weiblich waren und mit ihren körperlichen Reizen nicht zurückhaltend waren, beschwor, dass es notwendig sei, eine langfristige Strategie zu haben. Schließlich soll das Unternehmen Weihnachtsmann noch lange im Geschäft bleiben. Daher muss die gesamte Unternehmung anhand der Strategie, der Herausforderungen der Zukunft effizient und rentabel arbeitet.

Viel schlauer waren die drei nun nicht und hatten nur Fragezeichen in den Augen. Welche Kröte sollten sie schlucken? Ein Überfallkommando, das Kompetenz mit einer hohen Anzahl an Fremdwörtern in einem Satz bezeugen wollte und gerne in Kleinbussen vorfuhr? Eine lahme Truppe, die weiß, wie man vom Fleck kommt und aus einem Mund besteht? Oder Dummbabbler, die es immerhin auf die Spur gebracht haben, etwas für das Auge mitzubringen. Die drei entschieden sich für die Firma drei nicht nur der Augen wegen, sondern weil die Firma auch noch die günstigere von den Dreien war und Effizienz sowie Einsparungen versprach. Der Grundgedanke war: Wenn es nichts wird, dann hat es zumindest nicht so viel Geld gekostet. Zu diesem Zeitpunkt war es schon Anfang Juni. In den Schokoladenfabriken fing so langsam die Weihnachtsmann-Produktion an und die Osterhasen waren längst eingeschmolzen. So nahm das Unheil seinen Lauf.

Nach weiteren zehn Tagen erhielt der Weihnachtsmann wiederum ein Paket. Nein, es war kein verfrühtes Weihnachtsgeschenk sondern der Vertrag der dritten Firma. Dieser Vertrag bestand aus ca. 100 Seiten, die sich anfühlten als wären es 1.000. Vor lauter Fremdwörtern, geforderten Mitwirkungsleistungen, Haftungsausschlüssen, Datenschutzbestimmungen, Ausschlüssen im Allgemeinen und im Besonderen, der Beschreibung der Arbeitszeiten sowie geforderter Skills beim Weihnachtsmann und gezeigter Skills auf Seiten der Beratungsfirma verstand der arme Weihnachtsmann gar nichts. Er dachte sich nur, was für eine Holzverschwendung. Aus den beiliegenden fünf Exemplaren hätte man eine Menge Holzspielzeug herstellen können. Um nicht noch mehr Zeit zu verschwenden, beschloss der Weihnachtsmann den Vertrag zu unterzeichnen und die Neuerungen auf sich zukommen zu lassen.

Kaum geschehen, standen zwei Tage später (also Ende Juni) vier sehr gut angezogene und sehr junge Männer vor seinem Haus und wollten Zutritt. Da der Weihnachtsmann diese Menschen nicht kannte, war er zunächst skeptisch. Es stellte sich heraus, dass es sich um die Berater aus dem Hause der dritten Beratungsfirma handelte. Aber wo waren die aufreizenden jungen Damen, die dem Weihnachtsmann als die Top Expertinnen präsentiert wurden? Davon wussten die jungen Herren nichts. Vielleicht würden die Damen zum Team noch dazu stoßen.

Als erstes verlangten die vier Herren ein Büro, zwei Kisten Red Bull, VDSL-Zugänge, Zugangskarten und einen Interview-Plan mit allen beteiligten Mitarbeitern, die wesentlich zum Erkenntnisgewinn bezüglich der Prozesse im Unternehmen Weihnachtsmann beitragen konnten. Außerdem wurden sofort sogenannte Jour Fixes mit dem Weihnachtsmann, dem Chef-Rentier und dem Chef-Wichtel vereinbart. Diese lagen um 07.00 Uhr in der Früh und um 21.00 Uhr Abends. Als der Weihnachtsmann das hörte, fragte er sich, ob es nun besser oder viel schlimmer werden sollte. Wann solle er den schlafen und vorbereiten? Schließlich mussten die Geschenke, Papier, Schleifen, Süßigkeiten und viele weitere Dinge bestellt werden. Es war doch schon Mitte Juli! Wie auf das Stichwort fingen die vier Herren an, einen Projektplan mit dem Weihnachtsmann zu erarbeiten. Dafür mussten sie wissen, wann der späteste, also der allerspäteste Zeitpunkt wäre, um mit den Neuerungen fertig zu werden. Der Weihnachtsmann konnte die Frage nicht spontan beantworten und beschloss daher, seine Rentiere und Wichtel einzubeziehen und berief eine Vollversammlung ein. Dort stellte er kurz vor, was er geplante hatte und bat seine Mitarbeiter, ihn dabei zu unterstützen. Ein Großteil war nicht abgeneigt, da am Ende weniger Stress, weniger Arbeit und mehr Freizeit standen. Die Minderheit war eher skeptisch. Schließlich konnten diese eins und eins zusammenzählen. Wenn es für alle entspannter zugehen sollte, warum sollte der Weihnachtsmann noch so viele Rentiere und Wichtel beschäftigen. Sie sahen ihre Zukunft in Gefahr. Als der Weihnachtsmann auch noch um Hilfe bat, war es bei der Minderheit vorbei. Auf der einen Seite sollte man mit voller Kraft an der Vorbereitung des jetzigen Weihnachtsfests arbeiten und auf der anderen Seite auch noch dabei helfen, seinen Job abzubauen? Das ging nun gar nicht. Auf die Frage, wann der späteste Zeitpunkt wäre, die Vorbereitungen in vollen Gang zu bringen, antworten aber alle Mitte August. Das wären nur noch vier Wochen.

Mit dieser Information ging der Weihnachtsmann zu seinen Beratern. Diese sagten, dass aus ihren Erfahrungen heraus, die Mitarbeiter gerne Puffer einbauen. Daher wäre es ausreichend, wenn das Projekt Ende September fertig wäre. Das wäre in zehn Wochen. Da es der Weihnachtsmann nicht besser wusste und auch keine Erfahrungen hatte, verließ er sich auf die Aussage der Berater. Schließlich mussten sie es ja wissen. Der Osterhase war nicht erreichbar, weil er sich in seinem Wohlverdienten Sommerschlaf befand.

Die vier Berater wirbelten durch das Unternehmen des Weihnachtsmanns. Interviews hier und Interviews da. Powerpoint-Präsentationen wie vom Fließband, die der Weihnachtsmann alle begutachten musste. Analysen von Prozessen, Benchmarkings, idealtypische Prozesszeiten, Kosten, Annahmen zur Verbesserung des Prozesses, mögliche Outsourcing-Partner, Eingliederung von Sub-Unternehmern. Alles wurde tiefgründig analysiert und bereitgestellt. Die Zeit verging wie im Fluge. Alle Mitarbeiter sowie der Weihnachtsmann waren so stark mit dem Projekt beschäftigt, dass sie kaum zu ihrer eigentlichen Arbeit kamen. Nach vier Wochen lag ein erstes Zwischenergebnis vor. Alle waren völlig erschöpft. Nein, nicht alle. Nur die vier von dem Beratungsunternehmen wirkten sehr frisch. Das mag auch damit zusammengehangen haben, dass während der vier Wochen, die vier Herren reihum durch andere vier Herren ausgetauscht wurden, die wiederum die gleichen Fragen stellten und die gleichen Dinge taten, wie die anderen vier Herren zuvor. Der Weihnachtsmann wollte wissen, wo das Projekt stand. Um das herauszufinden, wäre es notwendig gewesen, ein Controlling und Reporting aufzusetzen, was man zu Beginn des Projektes nicht getan hat. Daher konnte ihm keiner die Frage beantworten, außer dass der Weihnachtsmann als Auftraggeber dafür verantwortlich gewesen wäre. Das hätte ihm keiner gesagt. Aber wieso, war die Antwort darauf, das stand im Vertrag auf Seite 89, 2. Unterabsatz, 13. Spiegelstrich. Der Weihnachtsmann gab die Diskussion auf. Im Grunde war nach vier Wochen wenig geschehen, außer dass alles stillgestanden hat. Das wurmte den Weihnachtsmann.

Daher rief er bei dem Partner des Beratungsunternehmens an, der prompt am nächsten Tag mit den besagten zwei Damen angeflogen kam. Der Weihnachtsmann schilderte sein Problem und seinen Pessimismus. Der Partner nickte nur verständnisvoll und versprach, ein schnelles Ergebnis herbeizuführen. Die zwei Damen nickten ebenfalls. Der Weihnachtsmann wollte die guten Neuigkeiten seinen Mitarbeitern mitteilen. Daher rief er wiederum eine Vollversammlung ein. Man sei auf einem guten Weg und in zwei Wochen (also entweder zwei Wochen zu spät, aus Sicht der Mitarbeiter oder vier Wochen zu früh aus Sicht des Beratungsunternehmens) würde das Ergebnis vorliegen. Die Mitarbeiter, also Rentiere und Wichtel, waren nicht sehr erfreut darüber. Schließlich habe man für zwei gearbeitet und Nichts dafür bekommen. Die Stimmung war offensichtlich schlechter. Die Gegner überwiegten mittlerweile. Als der Partner des Beratungsunternehmens das sah, empfahl er ein Teamevent zu veranstalten, damit die Moral der Mitarbeiter wieder stieg. Man solle doch für ein verlängertes Wochenende einen Wanderausflug mit Klettern machen. Der Weihnachtsmann willigte ein. Der Ausflug wurde gemacht. Alle waren danach noch schlaffer, da es galt 6.000 Höhenmeter an zwei Tagen zu bewältigen. Da die Wichtel nicht so gut zu Fuß waren, mussten die Rentiere fast die gesamte Belegschaft tragen. Beim Klettern verhielt es sich genau andersherum. Man kann von einem Fiasko sprechen. Und das Anfang September!

Fast zeitgleich präsentierten die Herren Berater das neue Konzept. Die Umsetzung des Konzeptes würde jedoch vier Monate dauern! Also bis nach Silvester. Das ginge gar nicht! Also einigte man sich darauf, dass man nur das umsetzt, was bis Mitte Oktober umsetzbar war. Schließlich würde man dann effektiver werden, daher könnte man den spätestens Zeitpunkt weiter nach hinten verschieben. Das erschien dem Weihnachtsmann einleuchtend, besonders deshalb, weil die Erläuterung mit Hilfe einer sehr eindrucksvollen Grafik erfolgt ist. Die Umsetzung begann.

Es wurde herausgefunden, dass die Wichtel Generalisten sind. Jeder konnte alles und wurde auch überall eingesetzt. Der Einsatz folgte immer der Logik, wo ein Wichtel fehlt, muss ein Wichtel hin. Das erachteten die Berater als ineffizient. Daher wurde beschlossen, dass sich die Wichtel spezialisieren sollen und die Arbeiten in einer geordneten Abfolge erfolgen sollen. So wie ein Zahnradwerk oder Fließband. Die Herausforderung bestand darin, zu identifizieren, welcher Wichtel für welche arbeiten geeignet war. Da bisher alle Wichtel alles getan haben, war das nicht so einfach. Es wurden sogenannte Sichtungstage durchgeführt, in welchen die Fähigkeiten begutachtet wurden. Für die einzelnen Wichtel wurden Noten vergeben. Die Wichtel wurden in Gruppen eingeteilt. Wie sich herausstellte, gab es nur wenige Wichtel, die für Spezialtätigkeiten geeignet schienen. Sonst waren alle Wichtel überall gleich gut oder gleich schlecht. Daher empfahlen die Berater, dass die Anzahl der Wichtel reduziert werden sollte, dafür billige Leiharbeiter, die sich auf ein bestimmtes Gebiet spezialisiert haben, eingestellt werden sollten. Die Wichtel würden die Aufsicht über diese Leiharbeiter bekommen. Aber wie konnte sich der Weihnachtsmann von seinen Wichteln trennen? Welche sollte er entlassen? Nach welchen Kriterien?

Als sich diese Nachricht im Unternehmen Weihnachtsmann breit machte, tobten die Wichtel und gründeten sofort einen Betriebsrat. So könne man, auch wenn Mann der Weihnachtsmann sei, nicht mit den Wichteln umgehen. Schließlich arbeite man seit mehr als 1.000 Jahren in dem Unternehmen. Wenn jemand entlassen würde, dann müsste der Weihnachtsmann eine satte Abfindung für die vergangenen 1.000 Jahre zahlen! Der Weihnachtsmann ließ sich das durch den Kopf gehen. Parallel dazu ging er auf die Suche nach Leiharbeitern. Das war gar nicht so einfach!

Als zweiten wesentlichen Verbesserungsvorschlag erarbeiteten die Herren, dass die Rentiere ineffizient eingesetzt würden. Sie würden unkoordiniert Waren abholen und wieder wegbringen. Die Wege wären zu lange. Aus diesem Grund sollten die erfahrensten Rentiere als Disponenten arbeiten, die die Rentiere und ihre Strecken optimieren sollten. Dafür wäre es notwendig zu wissen, wie lange ein Rentier unterwegs sein darf, wie viel Gewicht es mit sich führen kann, welche Ruhezeiten einzuhalten sind, und, und, und. Doch welche Rentiere waren die erfahrensten? Das sollte wiederum mit Hilfe eines Tests herausgefunden werden. Also wurden alle Rentiere zu einem drei-tägigen Test einberufen. Dabei mussten sie Lasten schleppen, durch die Gegend fliegen, regelmäßig ausruhen. Als herauskam, wozu der Test dienen sollte, war das Geschrei auch bei den Rentieren plötzlich groß. Es bestand die Möglichkeit für drei bis fünf Rentiere nicht mehr in die Kälte, Nässe und Dunkelheit heraus zu müssen. Wer diesen Job bekam, hatte seine Hufen im Trockenen. Sofort wurde von Ungerechtigkeit, Intransparenz und Rotationsprinzip gesprochen und auch hier gründete sich ein Betriebsrat. Die Stimmung war auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Im gesamten Unternehmen. Und es war Ende September.

Die Berater gaben dem Weihnachtsmann den Rat, dass zur Kompensation der Rentiere auch fremde Firmen, Logistikunternehmen eingesetzt werden könnten. Diese könnten die Ausfallzeiten der Rentiere ausgleichen und man könnte sich darauf einigen, dass immer zehn Rentiere nicht raus müssen. Also fing der Weihnachtsmann an, sich Logistikunternehmen anzusehen. Bis dahin haben Weihnachtsvorbereitungen nicht stattgefunden.

Als dritten und vorläufig letzten Punkt brachten die Berater an, dass die Bearbeitung der ganzen Briefe viel zu umständlich ist. Schließlich kann man die krackerlige Schrift von Kindern oder alten Menschen nicht lesen, man müsse viele fremden Sprachen sprechen und verstehen, müsse nachfragen, was mit dem Wunsch gemeint sei und außerdem würde Papier doch nur wichtige natürliche Rohstoffe kosten. Den letzten Punkt sah der Weihnachtsmann ein. Um hier besser und effizienter zu werden, sollte ein Portal umgesetzt werden, über welches jeder seine Wünsche äußern kann. Die Anfragen würden sofort in eine allgemeine Sprache übersetzt und Rückfragen könnten online direkt zurückgeschickt werden. Für Kinder und Menschen ohne Strom und Internet könnten zentrale Stellen bereitgestellt werden, an welchen die Wünsche eingegeben werden. Das klang für den Weihnachtsmann vernünftig. Sofort schickte er alle Mitarbeiter, die sich mit der Post beschäftigten auf eine PC Schulung und ließ ein Portal umsetzen. Leider fand er niemanden, der sich um dieses Portal kümmern konnte. Daher beauftragte er IDM (Immer Dieser Mist), die sich um das Portal kümmern sollten. In den entlegenen Winkeln der Erde schuf er sogenannte Call Center, die sich mit der Aufnahme der Wünsche beschäftigten (persönlich, schriftlich oder telefonisch). Als alles fertig war, war es Mitte Oktober. Mitte Oktober! Sonst war aber nichts fertig.

Darauf angesprochen, lachten die Herren Berater höflich und verabschiedeten sich, weil ihr Auftrag erfüllt war. Warum sei der Auftrag erfüllt, wollte der Weihnachtsmann wissen? Es sei Mitte Oktober, Weihnachten stünde vor der Tür und es sei nichts vorbereitet! Das wäre in dieser Form nicht vereinbart gewesen! Darauf meinten die vier Berater, von den Vereinbarungen wüssten sie nichts. Sie hätten den Auftrag zu einem anderen Mandanten zu gehen. Erbost griff der Weihnachtsmann zum Telefon und rief bei dem Partner an. Der Partner war sich nicht zu fein gewesen, am nächsten Tag beim Weihnachtsmann vorzusprechen. Diesmal kam er aber nicht mit den beiden Damen sondern mit zwei finster und ernst dreinblickenden Herren, die sich als Rechtsanwälte der Kanzlei Law & Pistolero vorstellten. Sie hätten gehört, es gäbe Unstimmigkeiten mit dem Vertragswerk und daher seien sie sicherheitshalber mitgekommen. Der Weihnachtsmann äußerte seinen Unmut und beharrte darauf, dass Nichts fertig sei und sein Unternehmen in einem schwierigen Zustand ist, der einem Desaster gleich zu setzen wäre. Daraufhin nahmen sich die beiden Anwälte den Vertrag vor und wiesen auf unzählige Seiten, Absätze, Spiegelstriche und Teilsätze hin, aus welchen hervorging, dass der Weihnachtsmann für die Organisation, die Durchführung, die Mitarbeiter, Sub-Unternehmer und der Haftung gegenüber seinen Kunden verantwortlich sei. Die Unternehmensberatung treffe keine Schuld, dass es so ist, wie es ist.

Geschlagen gab der Weihnachtsmann auf. Schließlich hatte er noch 500 Stellenanzeigen für Leiharbeiter offen, die ihm helfen sollten. Die Wichtel waren mittlerweile in einen Streik getreten, die Rentiere haben zahlreiche Spiele und Ideen entwickelt, wie man gerechterweise dafür sorgen könnte, dass kein Rentier zu viel oder zu wenig arbeitet, und die Mitarbeiter an den PCs waren mittlerweile halb blind oder halb verblödet, weil sie ständig auf einen Bildschirm starren mussten. Dort wurden ihnen Dinge an die Augen geworfen, die sie bisher noch nie gesehen haben. So war der Stand Anfang November.

Die Leiharbeiter blieben aus, weil angeblich alle für irgendwelche Unternehmen wie Amazon, Otto, Zalando und andere benötigt würden. Also war es nichts mit Ersatz … Eine Einigung mit den Wichteln war unter diesen Umständen nicht abzusehen. Sie weigerten sich vehement, zu arbeiten. Bei den Rentieren sah es auch nicht besser aus. Ein faires Verfahren konnte nicht erarbeitet werden. Jedes Rentier fühlte sich benachteiligt. So kam es wie es kommen musste, die Rentiere wollten ebenfalls nicht arbeiten. Die Einzigen, bei welchen es scheinbar funktionierte, war die Bearbeitung der Wünsche. Ab und an wurden Aussagen getätigt, die eben auf Amazon verwiesen (… habe ich bei Amazon gesehen und auf meinen Wunschzettel gepostet …). Da wurde der Weihnachtsmann neugierig. Er schaute sich dieses Amazon und vergleichbare Dinge an. Wie er erkennen konnte, bot man dort alles an, was sich Menschen so wünschen. Da jeder Meilenstein bereits weit überschritten war, um noch selbst Weihnachten organisieren zu können, griff der Weihnachtsmann zu Plan B.

Er informierte die Rentiere, die Wichtel und die fleißigen Briefe- und Wünsche-Bearbeiter, dass man dieses Jahr Weihnachten und die drum herum liegende Dienstleistung an Drittfirmen vergeben würde. Er wies seinen Schreibdienst an, dass alle Wünsche direkt an die Anbieter im Internet weitergereicht werden sollten. Die Rentiere sollten die Schlitten fertig machen. Man würde sehr wohl durch die Gegend fliegen, aber nicht beladen um das Klingeln zu verbreiten. Die Wichtel sollen Schnee und Dekoration bereitstellen, damit auch eine weihnachtliche Landschaft entsteht. Damit waren alle einverstanden. Im nächsten Jahr, beschloss der Weihnachtsmann, würde man so weiter machen wie die 1.000 Jahre zuvor.

Nun verstand der Weihnachtsmann, warum der Osterhase kurz nach Ostern so entspannt war. Und nun ist es auch klar, warum die Geschenke von Amazon und anderen gebracht werden.